Stavemann, H.: Lebensziele in Therapie und Beratung
hinzugefügt: 23-04-2017
Sinn- und Wertefragen klären, Handlungsziele bestimmen. Mit Online-Material
Verlag: Beltz 2017, 260 Seiten

ISBN: 978-3-621-28444-8

Mögliche (und nötige) Korrektur von Werten und Zielen

Nicht wenige psychische Probleme entstehen aus einer inneren Spannung und Reibung von „Ist“ und (vermeintlichem) „Soll“. Aus dem, was der Klient als seine „Realität“ sieht und deutet im Vergleich zu dem, was er meint, erreichen zu wollen oder zu müssen. An der Diskrepanz zwischen beidem entsteht Leide. Und dies nicht nur, weil faktisch „zu wenig“ erreicht wurde, sondern vor allem auch, weil die Ziele und inneren Wertvorstellungen u.U. unerreichbar (zumindest subjektiv) sind und „dysfunktional“ vorliegen.

Sei es als Ziele und Werte, die von außen „aufgedrückt“ (besser. „eingeprägt“) wurden, seien es als Rahmenbedingungen, die ein Scheitern geradezu provozieren (und das „mit System“), sei es, dass subjektiv bestimme Werte und Ziele einfach nicht realistisch eingeschätzt werden können.

Deutlich erkennbar „aus der Praxis für die Praxis“ legt Stavemann seine Lösungsvorschläge und therapeutischen Instrumente in diesem wohl strukturierten Werk vor. Dabei gelingt es, vor allem ob der vielen Praxisbeispiele, die Inhalte sehr nachvollziehbar und griffig zu formulieren.

Den „Ist-Zustand“ in Therapie und Beratung mit dem Klienten gemeinsam möglichst faktisch zu erheben und daran „bestehende Ziele“ auf ihre „Angemessenheit“ zu prüfen und aus dieser Analyse dann „Handlungszielpläne“, an der Realität geprüft, zu entwerfen und, Schritt für Schritt gemeinsam, zu erarbeiten, das ist im Groben das Schema des therapeutischen Handelns, welches Stavemann ruhig und sachlich im Buch erläutert und mit vielfachen praktischen Hinweisen füllt.

Und in Relation zu diesem „Idealen Vorgehen“ setzt Stavemann im zweiten Teil des Werkes dann auf das, was an therapeutischer Realität wohl eher alltäglich ist.

Klienten, die offenkundig zunächst „gar keine Ziele“ verfolgen (was nur darauf hindeutet, dass innerlich und wenig bewusst natürlich Ziele vorliegen, die aber, solange dies nicht ins Bewusstsein rückt, auch nicht geprüft und betrachtet werden können).

Klienten, die „zu wenig Ziele“ verfolgen (und damit dazu neigen, sich selbst als „unterhalb der Möglichkeiten“ zu bewerten).

Und Klienten, die zunächst offenkundig „zu viele Lebensziele“ verfolgen und darin kaum konkret einen Schritt Vorwärtskommen, da die Vielzahl der Ziele einander beständig behindert.

Ein Leiden an „“zu vielen, fehlenden, irrationalen oder widersprüchlichen Vorhaben“, die je für sich ein hohes Maß an Lebensenergie „abziehen“ können. Auch wenn die Frage nach den Zielen des Lebens, wie Stavemann betont, im engeren Sinne dem „metaphysischen Bereich“ angehören, haben sie doch fassbare und konkrete Auswirkungen auf den Lebensalltag der Klienten. Hier subjektiv das „Lebensgebäude“ eindeutig verstehen zu können und durchaus auch philosophische Reflexionen (nicht abstrakt, sondern konkret am Klienten orientiert) mit einfließen zu lassen ist ein Teil der Aufgabe und Haltung des Therapeuten, welche Stavemann deutlich betont.

Mit dem Ziel, Klienten bei ihrer Suche nach Antworten auf lebensphilosophische Fragen non-direktiv zu unterstützen.

Therapeutische Strategien und Tools werden von Stavemann dabei ebenso vermittelt, wie vielfache Einblicke in dieses „gemeinsame Suchen“ durch im Buch wiedergegebene Dialoge, in denen sich die gemeinte Praxis präzise und erkennbar widerspiegelt.

Insgesamt eine anregende und hilfreiche Lektüre, gerade weil Stavemann sich nicht scheut, einen gewissen „abstrakten Raum“ der Philosophie zu betreten, der ein besonderes „sich einlassen“ des Therapeuten erfordert.

Rezensent: M.Lehmann-Pape